1. Der Anfang und das Ende

Wie außerordentlich gefährlich es ist mit mächtigen Anweisungen oder Anleitungen aus alten Büchern zu experimentieren, wissen nur die, die im Besitz solcher Bücher sind und besagte Rituale an sich selbst ausprobierten und anschließend überlebten. Ich bin ein Überlebender und so wie es aussieht von nun an verflucht mit der Bürde eines Überwesens, eines gefallenen Engels zu leben, durch die Welt zu schreiten und Hass, Verderben und Tod zu verbreiten.

Alles fing damit an, als ich nach dem Auszug aus dem Elternhaus einen höchst dekadenten Lebensstil verfolgte und zum Erstaunen meines sozialen Umfelds, meiner Familie und Freunde mich zurückzog und auf rasche Art und Weise in meiner Stube degenerierte, wobei der physische Verfall mir angeblich von Mal zu Mal immer mehr anzusehen war.

Wann genau und wo ich an das Buch in gegerbter Menschenhaut, mit den Scharnieren und dem massiven Vorhängeschloss kam, kann ich nicht sagen. Als Sprachforscher und Literat an einer angesehenen Hochschule in Deutschland kommt man oft an alte Dokumente, sowie Berichte von Zeitzeugen, kiloweise vergammelte Papyrus- und Pergamentrollen, sowie meterhohe Türme an handschriftlich vervielfältigten Annalen, Enzyklopädien, Urfassungen, Leitfäden und anderen Werken von Mönchen und Gelehrten, die nichts Besseres in ihren lächerlichen Leben zu tun hatten, als diese zu schreiben und nichts Anderem, als dem Verfall in Bibliotheken und Archiven der Zukunft zu überlassen. Hier und da ein Buch, eine mehrjährige Forschung, ein Resultat, eine Auszeichnung, sowie zahlreiche Kontakte zu verschiedensten Gestalten und Gruppierungen erleichterten mir an den Hochschulen Europas bei allen denkbaren Recherchen und verhalfen mir zu schnellem Geld, dass mindestens genau so schnell wieder weg war, wie es gekommen ist. Anschließender Verfall, Wohlstandsplauze, Depression und Einsamkeit. Ich war nicht wirklich aktiv an der Hochschule, wie in den vergangenen Jahren d.h. ich war ein gern gesehener Gast mit unendlichem Wissen, mindestens genau so vielen Beziehungen, sowie einer bescheidenen Prämie als freier Mitarbeiter. Oder "minimalisierte Aufwandsentschädigung für ein verkanntes Genie auf einem Abstellgleis", wie ich mir oft sagte. 

Oft befasste ich mich mit Werken, die ausschließlich Anderen dazu dienten ihre Arbeiten mit sinnvollen Nachweisen oder geistreichen Quelle zu bereichern, um damit die hochnäsigen und übermütigen Professoren und Solche, die es noch werden wollten mit Material abzuspeisen und so ihre dummen, klein-geistigen Theorien zu untermauern oder zu belegen. Wie oft Jene diese Werke gar nicht erst lasen! Abschaum! Nicht selten kam es vor, dass eine meiner mehrere Tage andauernden Recherchen in den Sand gesetzt wurde oder von so manch einem Jüngling, der auf Kosten der eigenen, wohlhabenden Familie studierte, ignoriert oder unbezahlt blieb – eine Beschäftigung, die nicht gerade viele Freunde oder Gefährten auf den Plan rief, dennoch den einen oder anderen Vorteil mit sich brachte.

Zum einen hatte ich Zugang zu wertvollen Manuskripten, für die so manch ein unverstandener Wohlhabender absurde Summen anbot, zumal der Markt für Originale in Europa durchaus florierte. Klaus Schreiber war – ich habe ihn nie gefragt, ob dies sein richtiger Name war – ein Kumpan - geborener Westfale - ein Handlanger, der sich in dem Metier besser auskannte, als jeder Andere. Er war nicht nur fasziniert von der Welt der Bücher, er war ein regelrechter Narr, der, so dachte ich, alle Schriftsteller und Ihre Werke kannte. Dazu zig tausende Anekdoten, die meisten zu den Werken, mit denen er in seinem kleinen Buchladen handelte oder an denen er aktuelle arbeitete. Ich erinnere mich an seine lange dünne Nase mit der großen Hornbrille darauf, mit der er ständig in einer neuen, mir unbekannten Lektüre steckte. Ein alter Mann ohne Familie, die ihn womöglich bei der Lektüre nur stören würde. Ein nicht gerade umgänglicher Typ mit vielen Falten im Gesicht. Bodenständig bis ins Mark, jedoch bekannt mit zwielichtigen Gestalten und deshalb immer wieder knapp bei Kasse. Unser Bündnis wissenschaftlicher Natur verhalf uns schnell zu großen Geldsummen, die sich wegen unseres exklusiven Hobbies oft verflüssigten und so kam es, dass wir uns immer seltener mit eingebundenen Schätzchen beschenkten, wie dies in der Vergangenheit der Fall war. Die bezahlbaren unbezahlbaren Werke aus unseren nächtlichen Raubzügen in den öffentlichen Archiven fanden in Bibliotheken reicher Männer und Frauen in Berlin, München, Amsterdam, Rom, Florenz, Brüssel, Krakau, aber auch außerhalb Europas mehr als nur einen neuen Platz zum verstauben. Diese Schicht von Menschen sah darin mehr, als nur eine Stange Gold oder einen schnittigen Luxusflitzer, der mit der Zeit an Wert gewinnen und zur richtigen Zeit zum richtigem Kurs wieder verkauft werden würde.
Zum anderen hatte ich selbst Zugang zu den ausgefallensten Skripten und Werken, die schon vor hunderten von Jahren auf schwarze Listen gesetzt oder von der Kirche verboten und direkt verbannt wurden. Oft handelte es sich dabei um Schriften von Freidenkern, die für ihr Handeln – so befreiend, revolutionär oder Welt verändernd es erschien – nieder gemetzelt oder bei lebendigem Leibe verbrannt wurden, sodass kein Hahn jemals nach ihnen krähte. Menschen, die es geschafft haben die Welt in ihrem kleinen, dummen Universum zu begreifen und in Wort und Schrift wieder zu geben. Keine dieser Schriften war dennoch so abstoßend und unbegreiflich vulgär, wie das Al Asif oder auch Buch der Toten Namen genannt, in dessen Besitz ich seit mehreren Jahren war. Keine Sache, auf die man stolz sein sollte. Angeblich seien so viele einfache Männer, aber auch Gelehrte daran gescheitert, das Buch zu Ende zu lesen, sei es wegen oft einsetzenden Wahnsinns oder eines unnatürlich wirkenden Freitodes. Nicht zuletzt wegen der gefährlich anmutenden Rituale, die darin beschrieben wurden, zu derer Ausübung eine gehörige Portion gefährlicher, sowie illegaler Substanzen benötigt wurde, schreckte diese ungewöhnliche Abschrift einer deutschen Übersetzung aus dem frühen Mittelalter in vielerlei Hinsicht die Besitzer ab. Ob es an den zwei breiten, rostigen Scharnieren oder dem massiven Schloss lag, dass mich vom Lesen der unheiligen Seiten anfangs abhielt, oder an der Tatsache, dass es sich bei dem Ledereinband um Menschenhaut handelte, weiß ich ganz einfach nicht mehr. Ich schätze, wenn man sich mit der Materie befasst, die im Al Asif beschrieben wird, vergisst man schnell, dass man stets die Epidermis eines Menschen in den Händen hält – früher oder später wird diese Tatsache nebensächlich. Was jedoch bleibt und sich regelrecht ins Gehirn einbrennt, sind die Beschreibungen und Zeichnungen, im Großen und Ganzen das angsterregende Wissen, dass man sich mühsam auf Grund der alten Ausdrucksweise und der schwer zu deutenden Bilder aneignet, sowie alle Hintergründe, die von Mal zu Mal anfangen Sinn zu machen und den Horror in Einem entfesseln.

Der Markt war mittlerweile sehr hart umkämpft und eine Übersetzung des Al Asif erschien mir übertrieben als Geburtstagsgeschenk, auch wenn es sich hier um Schreiber handelte. Damals legte ich das Buch weg und entschied mich für das "De Vermis Mysteriis", ein aufwendig erarbeitetes Duplikat eines Grimoires von Robert Bloch aus dem 20. Jahrhundert. Wie sehr ich doch bereue, dass ich mich damals nicht für dieses verfluchte Buch entschied und es behielt. Ich war wie besessen von Büchern und meine Gier nach Wissen und Macht - wie ich mir einredete - war schier unendlich. Ich wusste ganz genau, was Schreiber früher oder später mit dem Buch anstellen würde, also erschien mir das damals sehr vernünftig. Wie sehr es mein Leben mit der Zeit veränderte, war mir nicht bewusst.

Die Angst fing an, als ich fast 10 Jahre nach dem Tod Schreibers in Münster, einer Stadt in Westfalen von einem Besuch eines verhassten Auftraggebers durch die dunklen Gassen schlenderte. Der Mond leuchtete gelb, in einem eigenartigem Licht, wie ich es bisher nie gesehen habe. Ich erinnere mich nur ungern an die Nacht. Wie oft ich im Kopf die Ereignisse des ganzen Tages durchging! Mir begegneten lauter betrunkene Menschen, die ihr Wochenende in den Kneipen, Bars und Diskotheken verbrachten, welche man zahlreich in der Altstadt aufsuchen konnte. In einer Gasse fiel es mir erst auf, dass ich, unvorsichtig mein Gras rauchend von Jemanden verfolgt wurde. War es die Polizei? Ich drehte mich um und überblickte die enge Gasse und versteckte mich im Eingang eines Plattenladens, um den Verfolger zu erblicken. Doch die sich rasch nähernden Schritte verstummten, und als ich mich erneut umdrehte, war der Verfolger verschwunden. Paranoia kroch mir den Rücken hoch, wie ein Energiestoß, der sich entlang meiner Wirbelsäule konzentrierte und sich, wie ein sanftes Zittern in meiner Schulter und meinen Armen entlud. Ich war mir nicht sicher, ob ich schon vorher einen Verfolger gehört oder gesehen habe. Einerseits konnte es der Effekt der Pfeife sein, an der ich immer noch paffte, andererseits war mir bewusst, dass ich nicht zu Halluzinationen neigte, also stopfte ich nach und verließ den Eingang. Je länger ich überlegte, desto unplausibler erschien mir die Tatsache und ich verlegte den Gedanken und begab mich in Richtung Norden, wo mein Hotelzimmer lag. 

Unterwegs auf der Promenade, einem von Bäumen umgebenen Ring um die Altstadt, welcher anno dazumal als Festung der Stadt, nun jedoch als Fahrradweg diente, beschlich mich ein eigenartiges Gefühl. Ich war nicht allein und bekam es definitiv mit der Angst zu tun. Zwar huschte auf Grund des Wochenendes immer wieder der ein oder andere Radfahrer an mir vorbei, jedoch war es nicht das, was mir dermaßen Furcht bereitete. Ich setzte mich auf eine der Bänke und stopfte erneut meine Pfeife, um in aller Ruhe die Gegend zu betrachten. Kurz erblickte ich einen Schatten. Die Person war als ein Mann zu identifizieren, da er einen Hut, sowie einen Mantel trug und schnellen Schrittes den Weg kreuzte. Was mich jedoch so erschreckte, war die Tatsache, dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte. Keine Augen, keine Nase und erst Recht kein Mund waren zu erkennen. Ein Gesichtsloser! Mein Herz fing an zu rasen und so kam es, dass ich anfing halb in einem Gebet, halb in einem an Schreiber gerichteten Monolog in meinen Gedanken laut vor mich her zu plappern „Du armes Schwein, warum musstest Du so früh von uns gehen?“. Während ich meine Pfeife stopfte, fuhr eine Gruppe von Radfahrern an mir vorbei. Ich zuckte zusammen. Ich war dermaßen in Gedanken, dass ich nicht gehört habe, wie sich die Gruppe mir näherte. Als ich wieder in Richtung des Gesichtslosen schaute, war dieser verschwunden, mein Herz schlug vor lauter Aufregung, als hätte ich einen Sprint hinter mir und so stand ich wieder auf und begab mich angsterfüllt und verwirrt direkten Weges ins Hotel.

Am Empfang wurde ich von einer alten Rezeptionistin raff begrüßt und zurecht gewiesen, dass man nicht so spät mit Besuchern rechne. „Nun, ich kann mir ja ein anderes Hotel suchen, wenn ich als Gast ungern gesehen werde, ist ja nicht so, dass diese Absteige das letzte Hotel der Stadt wäre.“ Nun werden Sie mal nicht frech, sonst hole ich die Polizei und schmeiße Sie gleich raus!“. Weswegen die Bullen? Wollen Sie sich etwa wegen der sanitären Bedingungen selbst zur Anzeige bringen? Übrigens, mein Frühstück esse ich vor acht Uhr und den Kaffee trinke ich heiß, schwarz und ohne Spucke. Erwarte Ihren Weckruf um sieben Uhr.“ Frechheit“, entgegnete mir die alte Empfangsdame und setzte zu einem gehörigen verbalen Konter an. Ich verbiet ihr jedoch das Wort mit einer herrischen Handgeste, drehte mich um und betrat den Korridor mit den Wänden, an denen die vor Jahren angebrachte billige Lackfarbe abblätterte und schritt vor zu den veralteten Aufzügen.

In meinem Zimmer angekommen brodelte es in mir: wie konnte man nur so mit den zahlenden Gästen umgehen, schließlich war dies kein Dumpingpreis, den ich hier pro Nacht bezahlte. Im Zimmer fiel mir erneut der muffige Geruch auf, den ich schon beim Betreten am Mittag unangenehm fand. Ich öffnete das Fenster und ein kalter, frischer Luftzug entgegnete mir, als wäre es ein Schluck kalten Wassers, den ich nahm. Der Luftzug vermischte sich mit der warmen, stickigen Heizungsluft des Zimmers und brachte weitere unschöne Geruchsnoten hoch, die sich zu einer Komposition eines Gestanks entwickelten. Darunter, zum größten Teil, der intensive Gestank eines Reinigers auf Seifenbasis. Bestimmt lag es auch an der unprofessionellen Lackierung der Möbel, welche vorher abgeblätterte Schichten abdecken sollte. Der Facillity Manager scheint hier gerne mit Lack zu arbeiten, dachte ich mir. Der faulige Gestank, als würde sich eine tote Ratte in einem Müllcontainer während der Hundstage regelrecht auflösen wäre ebenfalls sehr penetrant. Ich schaltete den alten Fernseher der Marke Grundig ein und wunderte mich über die unhandliche Fernbedienung. Ein regelrechter Knochen, dachte ich mir. Die unschönen Straßengeräusche übertönte ich mit einer Fernsehsendung über den zweiten Weltkrieg. Davon gibt es zahlreiche zu dieser Stunde, dachte ich mir und öffnete die kleine Bar mit den überteuerten Spirituosen. Wie lange ich dort gesessen habe und wie spät es war, weiß ich nicht, ich muss zu der spannenden Sendung eingeschlafen sein. Ich wachte zu dem Klirren des Whiskyglases auf, welches mir aus der Hand gerollt ist. Oh nein, das teure Glas, die Alte wird mich killen, dachte ich mir. Sogar in meinen Gedanken war ich sarkastisch! Was für ein arrogantes Stück Scheisse ich doch bin! Das klirrende Geräusch des auf den Holzdielen zerbrechenden Glases beendete zum Glück einen wirren Traum, welchem ich nicht entkommen konnte. Ich war eingehüllt in Dunkelheit und hörte ein Flüstern mehrerer dämonischer Stimmen, ein Furcht erregendes Plappern von allen Seiten und in meine Richtung. Irgendetwas näherte sich rasch und verschwand immer wieder. Ich fing an zu rennen. Wie das jedoch in solchen Träumen ist, kam ich nicht von der Stelle weg und je mehr ich mich anstrengte, desto langsamer wurde ich. Was für eine furchtbare Illusion!

Mein Kopf dröhnte. Der Wind muss das Fenster geschlossen haben, wie jedoch erklärten sich die zugeschobenen Vorhänge? Ich sprang auf und versuchte den Lichtschalter zu finden, als ich mit meinem rechten Fuß in eine der Scherben trat und vor lauter Schmerz aufschrie, weil sich die Scherbe tief in meinen Fuß bohrte. Ich fiel auf die Knie in den Scherbenhaufen. Auf den ersten Blick war das Zimmer leer, ich überprüfte dennoch den Schrank und schaute unter dem Bett nach. „Verdammte Scheisse“, sprach ich laut aus, als ich bemerkte, wie sehr ich das Zimmer mit meinem Blut besudelt habe. Schnell setzte ich mich auf das Bett und zerriss das Bettlaken eine Binde für den Fuß formend, mir wünschend, ich hätte dies nicht getan. Ich dachte nur daran, wie unfreundlich wieder das Personal darauf reagieren würde. Ich ätzte. Die Schmerzen waren unerträglich und ich rang lange mit mir, um zur Rezeption zu humpeln und nach Hilfe zu fragen. Als nach einer gefühlten Stunde die Blutung immer noch nicht stoppte, setzte ich den Entschluss etwas zu unternehmen. Ich muss mir richtig tief ins Fleisch geschnitten haben, da ich alles voll blutete. Dabei bewegte ich mich weniger grazil durch den verkommenen Flur Richtung Aufzug und fuhr nach unten. Alles rot und voller Blut, wie bei einem frisch geschlachteten Schwein. Den Rest bin ich auf allen Vieren gegangen, zum Schluss irgendwie unförmig auf meinen Oberkörper gefallen mich mit meinem Gesicht abstützend auf die Seite gerollt. Definitive Abzüge in der B-Note, würde ich sagen! Ich bin weiter gekrochen bis alle meine Muskeln anfingen zu zucken, zu verkrampfen und schließlich zu brennen, als hätte man sie in Benzin getränkt und angezündet. Ich muss dermaßen viel Blut verloren haben, denn vor dem Empfang fand man mich kreidebleich und ohnmächtig. Im Krankenhaus erzählte man mir, dass ich viel Glück hatte, ich hätte bereits an der Pforte zum Jenseits gekratzt. Ein Arzt berichtete mir später, dass mir im Krankenwagen die ersten Konserven Blut verabreicht werden mussten und mir dies wahrscheinlich mein Leben gerettet habe. Dies und die Tatsache, dass mein Blut auf Grund des Alkoholgehaltes von dem ein oder anderem Drink am Vorabend relativ verdünnt war.

Zurück im Hotel packte ich meine Sachen und verließ dieses ohne Kommentar und ohne Jemanden anzusprechen. Am Empfang hinterließ ich einen Umschlag mit einem Hunderter und mit einem kurzem Brief, in dem ich mich für die Sauerei im Zimmer und für alle Unannehmlichkeiten entschuldigte. Scheißegal, dachte ich mir, es ist eh Keiner da. Ein Hunderter, das sollte mehr als genug sein! Ich erinnerte mich an die Situation mit der unfreundlichen Rezeptionistin und verließ das Gebäude mir selber zunickend, mit einer Krücke in der Hand und leichtem Gepäck in der anderen mich in alle Richtungen nach Personal umsehend. Anscheinend machte man sich nicht einmal die Mühe mich anzuhalten oder wenigstens nach meinem Befinden zu fragen. Das Hotel war wie leer gefegt. Was für ein beschissenes Drecksloch, dachte ich mir und hoffte im Geiste, dass mir nicht gleich noch Jemand nachrennt. Mir war nicht nach Konversation, ich wollte so schnell es geht weg von diesem Ort.

Und plötzlich dieses hellblaue Leuchten vor meinen Augen, das meinen ganzen Körper aber auch irgendwie meine Sinne erfüllte und durch mich hindurch flog, als wäre es eine Geisterarmee, ein Heer unzählbarer Seelen, deren Gesichter ich kannte. Ich nahm es vollständig in mich auf. Eine Art unsichtbarer Windstoß oder Energie entlud sich um mich herum. Etwas war passiert, denn als ich durch die Hoteltür ging, erschien mir die Welt ganz anders. Ich atmete tief ein und aus und versuchte mich auf eine Halluzination einzustellen, die sich wieder anfing zu manifestieren. Ich versuchte dabei ruhig zu bleiben und verfluchte die viele Jahre übermäßigen Konsums berauschender Mittel. Wahrscheinlich würde ich nie wieder mein geliebtes Gras anfassen und auf jeglichen
Turn verzichten, den ich mir von den vielen teuren Alkoholen besorgte, welche ich in vielen Jahren in einer beachtlichen Sammlung in einem extra dafür angefertigten Wandschrank aus teurem Holz bei mir Zuhause hortete. Na gut, vielleicht ja nicht ganz, aber in den nächsten Monaten mache ich eine gesundheitliche Pause, dachte ich in dem Augenblick und hielt mich an der Tür fest. Wahrscheinlich würde ich gleich wieder zusammen klappen, wie ein Stück totes Holz die Treppe runter rollen und mir in aller Ohnmacht noch mehr weh tun. Doch die Ohnmacht blieb aus. 

Alles war farbloser geworden und der Himmel grau, die Straßengeräusche waren verschwunden und es war nicht eine Menschenseele zu sehen. Mag vielleicht an der schäbigen Gegend liegen, dachte ich mir. Sogar das Zwitschern der Vögel hat aufgehört. Ich schaute in den Himmel und bemerkte die fehlende Bewegung der Wolken, machte mir aber zu dem Zeitpunkt nichts daraus und stieg in den Wagen, um nach Hause zu fahren. Mein Wagen machte kein Geräusch. „Was wird das hier? Komm schon, verfickte Scheisse, spring endlich an!“, fluchte ich, doch der Wagen machte keinen Murks. Ich schaute auf meine Uhr, doch die war um 14:10 Uhr stehen geblieben. Alles um mich herum erschien mir so fremdartig zu sein und das, obwohl ich noch vor wenigen Augenblicken von draußen kam. „Kann doch nicht sein, man ey“, schrie ich laut, als ich aus dem Wagen stieg, dessen Tank bei der Ankunft schon fast leer war und lies mit voller Wucht die Tür zu knallen, „so eine Scheisse aber auch!“. Ich drehte mich um und betrachtete voller Wut dieses verdammte Hotel, aus dem ich gerade kam und in das ich wieder zurückkehren würde, wobei mir erneut die selbe Wolkenformation auffiel, die sich seit einer geschlagenen Minute nicht verändert hat. Ganz schön windstill für solche dunklen Regenwolken, dachte ich, als ich auf die Rezeption zuschritt, um die selbe Mitarbeiterin zu begrüßen, die mich noch vor einem Tag so unfreundlich angefahren hat. So ein Pech aber auch, dachte ich, Sie wird mich bestimmt auf den Umschlag ansprechen und warum ich das Hotel verließ, ohne mir vorher bei ihr, laut Prozedere eine verbale Tracht Prügel abzuholen. Ich hatte keine Wahl. Der Wagen war tot und ich gefühlt ein tausend Kilometer von Zuhause entfernt. Bis nach Thorn waren es rund 900 km, über die mautpflichtige Autobahn würde mir dies in nicht mehr als neun oder zehn Stunden gelingen. Das Letzte, worauf ich Lust hatte, war in Münster unnötig lange zu versauern. 

Mein Plan war schnell Zuhause anzukommen und mich wieder um die Geschäfte zu kümmern. „Verzeihen Sie, aber mein Wagen streikt, kann ich Ihr Telefon benutzen?", fragte ich. "Mein Tank ist leer, glaube ich und ich fühle mich immer noch nicht so bei Kräften. Wissen Sie, wo hier die nächste Tanke oder Autowerkstatt ist?“ Die alte Rezeptionistin reagierte nicht, sie starrte auf ihre Zeitung und war regungslos. Wahrscheinlich löst sie ein Rätsel oder ein Sudoku, dachte ich mir und wiederholte meine Bitte: „Hören Sie, ich will wirklich keinen Ärger, aber mein Wagen in Ihrer Auffahrt springt nicht an. Auch wenn wir einen schlechten Start hatten, können Sie mir bitte helfen?“. Ich näherte mich humpelnd und schmiss schließlich mein Gepäck auf den Boden. Ich war richtig sauer! Warum umgaben mich ständig elende Menschen, wie die hier? „Darf ich wenigstens das Telefon...“, setzte ich an, als mir selber der Atem stockte und mir auffiel, dass die alte Rezeptionistin nicht atmete, man sah keine Bewegung Ihrer Lunge. „Alles in Ordnung?“, fragte ich, während ich der alten Frau vor dem Gesicht mit flacher Hand wedelte. Sie reagierte nicht. „Geht es Ihnen gut?“, setzte ich nach. Da kannst Du lange vor ihrem Gesicht fuchteln, sagte eine Stimme und ich schrie auf und fuhr zusammen. Sie kann Dich nicht hören. Wie denn auch, wenn die Zeit keine mehr ist. „Eh, was?“, antwortete ich in die Richtung, aus der die Stimme kam. „Was soll das? Wer ist da? Kommen Sie raus, damit ich Sie sehen kann!“. Hier bin ich, entgegnete die Stimme aus einer anderen Ecke des Empfangs, und hier. Hier auch! Die Stimme schien nun aus allen Ecken des Raumes zu kommen, ich konnte Niemanden erkennen, was viel seltsamer war. Ach, ich verstehe, Du hast nicht den blassesten Schimmer, setzte die Stimme fort. „Wer sind Sie, wo sind Sie und was ist hier passiert? Warum bewegt sich nichts mehr? Was haben Sie mit der alten Frau gemacht? Zeigen Sie sich!“, rief ich laut. Ich? Ich habe nichts getan, das warst Du. Du, einzig und allein, setzte die Stimme abgehakt fort und verließ mich mit einem schrillen Lachen, dass abnehmend leiser wurde, bis es schließlich komplett zwischen dem Mauerwerk und im Korridor verhallte, der zu dem alten Fahrstuhl führte.